Geschichte des Internets in Tschechien: Von Sonderlingen zur Welt der Netze
22. 5. 2020
Es war der 13. Februar 1992, und im Hörsaal Nummer 256 der Fakultät für Elektrotechnik der ČVUT im Prager Stadtteil Dejvice bahnte sich ein historischer Moment an – ein feierlicher Akt, bei dem sich die Tschechoslowakei erstmals mit dem Internet verband.
Was heute Fachleute als Wendepunkt in unserer modernen Geschichte begreifen, nahm die damalige Laienöffentlichkeit erstaunlicherweise ziemlich kühl auf. Vielleicht ist das aber auch nicht verwunderlich. Die Anfänge des Internets in der Tschechoslowakei betrafen nämlich einen recht engen Kreis von „Sonderlingen“: Informatiker, Akademiker und Enthusiasten, die bereits Anfang der 90er Jahre versuchten, sich an Netze wie FidoNet oder EUnet anzuschließen.
Übrigens sollten Sie sich nicht vorstellen, dass es sich 1992 um das Internet handelte, wie wir es heute kennen. Aus heutiger Sicht betrug die damalige Verbindungsgeschwindigkeit lächerliche 19,2 kbit/s. Ja, Sie rechnen richtig: Mit dieser Geschwindigkeit würden Sie ein einziges kleines Bild in fast einer halben Stunde herunterladen.
CESNET schrieb die Geschichte des tschechischen Internets
Doch alles begann erst mit dem 13. Februar 1992. Die damaligen Enthusiasten hatten nämlich eine mutige Idee – alle akademischen Einrichtungen in der Tschechoslowakei miteinander zu verbinden, damit die einzelnen wissenschaftlichen Arbeitsstätten untereinander Informationen und Daten einfach und schnell austauschen können.
Genau damals entstand das ehrgeizige Projekt, das heute unter der Abkürzung FESNET (Federal Educational and Scientific NETwork) bekannt ist und das zum Rückgrat des Internets zwischen den akademischen Einrichtungen im gesamten Bundesstaat werden sollte.
Wie in anderen Lebensbereichen mischte sich aber auch hier unerwartet die Politik ein: Am 1. Januar 1993 entstanden anstelle der ursprünglichen Tschechoslowakei zwei selbstständige Staaten, und das ursprüngliche FESNET spaltete sich in zwei eigenständige Projekte auf: das slowakische SANET (Slovak Academic Network) und das tschechische CESNET (Czech Educational and Scientific Network).
Das tschechische CESNET, das am 15. Juni 1993 feierlich in Betrieb genommen wurde, wurde bald durch kleinere lokale Netze ergänzt (etwa das Prager PASNET). Es dauerte nicht lange, und das Internet stand allen akademischen Nutzern in Tschechien zur Verfügung. Das Internet, wie wir es heute kennen, war es damals allerdings noch keineswegs. Für gewöhnliche Nutzer wurde es nämlich erst ein paar Jahre später verfügbar.
Sehen Sie, was CESNET im Jahr 1994 kostete:
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9,6 kbit/s |
14,4 kbit/s |
19,2 kbit/s |
64 kbit/s |
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Für gewinnorientierte Organisationen |
23.470 CZK |
29.770 CZK |
33.970 CZK |
56.385 CZK |
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Für gemeinnützige Organisationen |
14.020 CZK |
18.220 CZK |
22.420 CZK |
34.500 CZK |
Das Ende des Monopols und der Wählverbindung
Wie in anderen Lebensbereichen der frühen 90er Jahre stießen die Nutzer auch beim Internet bald auf klar gesteckte Grenzen, die die damalige Gesetzgebung vorgab. Schon Anfang der 90er Jahre hatte nämlich das Unternehmen Eurotel die exklusive Lizenz für den Betrieb eines öffentlichen Datennetzes (und damit auch des Internets) erhalten.
Eurotel begann, das Internet über eine Wählverbindung bereitzustellen (die Nutzer zahlten also für die Zeit, die sie im Internet verbrachten); die Verbindungsgeschwindigkeit betrug dabei etwa 76 kbit/s. Die Ära Eurotel dauerte allerdings nicht lange. 1995 verkaufte das Unternehmen seine Datensparte an SPT Telecom, und damit verschwand das wohl bekannteste Monopol in der neueren tschechischen Geschichte.
Den massiven Ansturm neuer Anbieter von Internetanschlüssen kündigte aber erst das Jahr 1998 an. Damals beging Telecom einen riesigen Fehler: Es kündigte eine deutliche Erhöhung des Preises für die Wählverbindung ab Januar 1999 an. Und die Öffentlichkeit ließ das nicht einfach so geschehen. Eine öffentliche Aktion mit dem Titel „Mit dem Internet gegen das Monopol“ bewies schließlich die enorme Macht der Verbraucher: Telecom wich von seinen Plänen ab und bot den Kunden einen deutlich attraktiveren Preis für die Wählverbindung an.
Der Wählverbindung läutete damals allerdings bereits das Totenglöckchen. Nach der ersten Liberalisierung des Internetmarktes im Jahr 1995 entstanden nämlich wie Pilze nach dem Regen neue Anbieter von Internetanschlüssen (1998 waren es bereits fast zweihundert). Unter ihnen zum Beispiel UVT Internet. Diese kamen zu Beginn des neuen Jahrtausends mit einem bahnbrechenden Ansatz: Sie begannen, Internet im Rahmen eines monatlichen Pauschaltarifs anzubieten. Für die Wählverbindung bedeutete das das allmähliche Ende.
Die ersten großen Websites
Übrigens entstanden gerade zwischen 1995 und 1998 in Tschechien auch die ersten großen Websites. Viele von ihnen haben nicht nur überlebt, sondern sind heute große Medienhäuser von landesweiter Bedeutung. Erwähnenswert ist zum Beispiel die Suchmaschine Seznam.cz, die 1996 ihren Betrieb aufnahm. Im selben Jahr startete das Abgeordnetenhaus seine Website, und auch die ersten Medien begannen, ihre Inhalte ins Web zu übertragen (zum Beispiel Mladá fronta DNES oder Právo).
Im November 1996 legte sich dann als erste politische Partei in Tschechien eine eigene Internetadresse zu: die Bürgerdemokratische Partei (ODS), im Februar 1997 gefolgt von der Tschechischen Sozialdemokratischen Partei. Und bereits 1998 konnten die Kunden der Expandia Banka als Erste Internetbanking nutzen.
Der Boom des Internets im neuen Jahrtausend
Springen wir nun einige Jahre weiter in der Zeit, an den Beginn des neuen Jahrtausends. Erst damals zeigten sich nämlich die Möglichkeiten der neuen Zeit in vollem Umfang. Das einstige Monopol auf die Bereitstellung von Internetzugängen gehörte der Vergangenheit an, ebenso die hohen Preise für die Wählverbindung. Und das goldene Zeitalter des Internets in Tschechien konnte endlich beginnen.
Schon im Jahr 2002 verbanden sich die ersten Nutzer per WLAN mit dem Internet, und 2003 bot das Unternehmen SkyNet als erster in der Tschechischen Republik schnelles Internet mittels ADSL-Technologie an. Im selben Jahr kündigte außerdem Eurotel als allererster tschechischer Mobilfunkbetreiber einen unbegrenzten Internetzugang für eine regelmäßige monatliche Pauschale an.
Und noch einmal das Jahr 2002. Damals entstand nämlich CZFree.Net, ursprünglich ein Prager Amateur-Computernetz. Es breitete sich nach und nach im ganzen Land aus und ermöglichte es, getreu dem Grundsatz „Beitragen und nutzen“, jedem den Zugang zum Internet herzustellen (auf eigene Kosten). Aus den Freenets gingen viele sehr gute Techniker hervor, die dann ihre eigenen regulären Firmen gründeten.
All diese Faktoren führten zum Unvermeidlichen: Das Internet wurde zu einem unverzichtbaren Bestandteil unseres Lebens. Und das zeigte sich bereits 2010. Damals gab das Tschechische Statistikamt bekannt, dass der Anteil der tschechischen Haushalte mit Internetanschluss endlich die magische Grenze von 50 Prozent überschritten hat.
Und ein weiterer Wendepunkt kam nur zwei Jahre später: 2012 verbanden sich nämlich die ersten Nutzer über einen mobilen LTE-Anschluss mit dem Internet. Das bot eine für damalige Verhältnisse schwindelerregende Übertragungsgeschwindigkeit von 60 Mbit/s (erinnern wir uns an das Jahr 1992, als das Internet eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 19,2 kbit/s hatte).
TIP: Lesen Sie auch den Artikel Heimanschluss im LTE-Netz. Verlockendes Angebot oder aufgeschobenes Problem?
Regionale Anbieter (nicht nur) für kleine Gemeinden
Das Internet könnte heute niemals das sein, was es ist, gäbe es nicht das Netz der regionalen Anbieter. Was muss man sich darunter vorstellen? Das Internet, wie wir es kennen, besteht aus einzelnen Backbone-Netzen. Diese werden in der Regel von großen multinationalen Konzernen betrieben, für die es sich keinesfalls lohnt, einen Internetanschluss in jedes kleine Dorf zu legen. Und genau hier kommen die regionalen Internetanbieter ins Spiel.
Heute erleichtern sie den Nutzern den Weg ins Internet deutlich. Einfach gesagt: Anstatt dass die Nutzer vom Betreiber des Backbone-Netzes abhängig sind, schließen regionale Anbieter an seiner Stelle den Vertrag mit dem Betreiber des Backbone-Netzes ab. Das Internet verteilen sie dann an weitere Interessenten aus dem Kreis gewöhnlicher Nutzer – einschließlich der Bewohner kleinster Städte und Gemeinden. Auch große Betreiber mieten sich untereinander Infrastruktur. Heute bauen regionale Betreiber ihre Infrastruktur zwischen den Städten und in den Städten der Region mit denselben Technologien auf wie die multinationalen Giganten. Sie unterscheiden sich nur in der Technik der letzten Meile – es sei denn, es handelt sich um ein Glasfasernetz bis ins Haus. Dann unterscheiden sie sich technisch überhaupt nicht; im Gegenteil, sie haben einen großen Vorteil in der ausreichend dimensionierten Kapazität in der jeweiligen Region.
Ohne Internet würden wir anders leben
Kurz gesagt: Ganz gleich, wo wir leben, ist das Internet heute ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens. Laut Daten des Vereins für die Entwicklung des Internets (Sdružení pro internetový rozvoj) und des Tschechischen Statistikamts hat 7,3 Millionen Tschechen über zehn Jahre einen Internetzugang. Einen festen Internetanschluss besitzen fast 83 % der tschechischen Haushalte und 98 % der Unternehmen. Laut VNICTP, dem Verband, der regionale Betreiber zusammenführt, liegt die Nichtverfügbarkeit des Internets sogar unter einem Prozent. Die übrigen 16 % der tschechischen Haushalte und zwei Prozent der Unternehmen wollen das Internet aus irgendeinem Grund nicht.
Das ist nicht verwunderlich: Die grundlegende Abdeckung mit 2 Mbit/s besteht heute auf nahezu dem gesamten Gebiet Tschechiens. Laut Daten der Tschechischen Telekommunikationsbehörde (ČTÚ) werden bis zum Jahr 2020 alle tschechischen Haushalte die Möglichkeit haben, sich mit 30 Mbit/s zu verbinden, mit Ausnahme einer kleinen Zahl in abgelegenen ländlichen Gebieten.
Dank des Internets können wir außerdem einkaufen, Zahlungsaufträge erteilen, Nachrichten und Unterhaltung konsumieren und mit Freunden kommunizieren – wenn auch vielleicht nur virtuell.
Übrigens profitiert auch die tschechische Wirtschaft davon. Das Internetgeschäft trägt derzeit etwa 5 % zum BIP bei, was keineswegs eine vernachlässigbare Zahl ist. Auch E-Shops florieren: Der Anteil tschechischer Online-Shops am Einzelhandelsumsatz hat im vergangenen Jahr erstmals die Marke von zehn Prozent überschritten. Im Jahr 2017 stiegen ihre Umsätze auf 115 Mrd. CZK.
Autorin: Alžběta Švarcová
Aktualisierung: 5. März 2024