Geschichte des Internets in Tschechien: Von Sonderlingen zur Welt der Netze
Es war der 13. Februar 1992, und im Hörsaal Nummer 256 der Fakultät für Elektrotechnik der Tschechischen Technischen Universität im Prager Stadtteil Dejvice bahnte sich ein historischer Moment an – ein feierlicher Akt, bei dem die Tschechoslowakei zum ersten Mal an das Internet angeschlossen wurde.
Was Fachleute heute als Wendepunkt in unserer modernen Geschichte verstehen, nahm die damalige Laienöffentlichkeit erstaunlich kühl auf. Es gibt jedoch vielleicht nicht viel, worüber man sich wundern müsste. Die Anfänge des Internets in der Tschechoslowakei betrafen nämlich eine relativ enge Gruppe von „Sonderlingen“: Informatiker, Akademiker und Enthusiasten, die schon Anfang der 90er Jahre versuchten, sich mit Netzen wie FidoNet oder EUnet zu verbinden.
Übrigens, stellen Sie sich nicht vor, dass es 1992 um das Internet ging, wie wir es heute kennen. Aus heutiger Sicht erreichte die damalige Verbindung eine lächerliche Geschwindigkeit von 19,2 Kilobit pro Sekunde. Ja, Sie rechnen richtig: Mit dieser Geschwindigkeit würden Sie ein kleineres Bild fast eine halbe Stunde herunterladen.
Die Geschichte des tschechischen Internets begann CESNET zu schreiben
Am 13. Februar 1992 begann jedoch alles erst. Die damaligen Enthusiasten kamen nämlich mit einer kühnen Idee – alle akademischen Institutionen in der Tschechoslowakei zu vernetzen, damit die einzelnen wissenschaftlichen Einrichtungen einfach und schnell Informationen und Daten austauschen können.
Damals entstand das ambitionierte Projekt, das wir heute unter der Abkürzung FESNET (Federal Educational and Scientific NETwork) kennen und das das Backbone-Internetnetz zwischen akademischen Institutionen der gesamten Föderation werden sollte.
Wie in anderen Lebensbereichen griff jedoch auch hier unerwartet die Politik ein: Am 1. Januar 1993 entstanden anstelle der ursprünglichen Tschechoslowakei zwei selbstständige Staaten, und das ursprüngliche FESNET teilte sich in zwei eigenständige Projekte: das slowakische SANET (Slovak Academic Network) und das tschechische CESNET (Czech Educational and Scientific Network).
Dem tschechischen CESNET, das am 15. Juni 1993 feierlich gestartet wurde, folgten bald auch kleinere, lokale Netze (wie etwa das Prager PASNET). So dauerte es nicht lange, bis das Internet alle akademischen Nutzer in Tschechien erreichte. Das Internet, wie wir es heute kennen, war es aber definitiv noch nicht. Für normale Nutzer wurde es nämlich erst einige Jahre später zugänglich.
Schauen Sie, wie viel CESNET 1994 kostete:
9,6 kbps | 14,4 kbps | 19,2 kbps | 64 kbps | |
Für gewinnorientierte Organisationen | 23.470,- | 29.770,- | 33.970,- | 56.385,- |
Für gemeinnützige Organisationen | 14.020,- | 18.220,- | 22.420,- | 34.500,- |
Ende des Monopols und der Einwahlverbindung
Wie in anderen Bereichen des Lebens der frühen 90er Jahre stießen Nutzer auch beim Internet bald auf klar gezogene Grenzen, die die damalige Gesetzgebung diktierte. Bereits Anfang der 90er Jahre erhielt nämlich die Firma Eurotel die exklusive Lizenz zum Betrieb eines öffentlichen Datennetzes (und damit auch des Internets).
Sie begann, das Internet über Einwahlverbindung bereitzustellen (Nutzer zahlten also für die Zeit, die sie im Internet verbrachten), die Verbindungsgeschwindigkeit lag dabei bei rund 76 Kilobit pro Sekunde. Die Eurotel-Ära dauerte allerdings nicht lange. 1995 verkaufte sie ihre Datensparte an die Firma SPT Telecom, und das wohl bekannteste Monopol der modernen tschechischen Geschichte verschwand damit.
Den massiven Auftritt neuer Internet-Provider kündigte erst das Jahr 1998 an. Damals machte Telecom einen großen Fehler: Er kündigte eine deutliche Erhöhung des Preises für die Einwahl-Internetverbindung ab Januar 1999 an. Und die Öffentlichkeit ließ es nicht einfach so geschehen. Die Aktion „Internetem proti monopolu“ (Mit dem Internet gegen das Monopol) zeigte schließlich die enorme Kraft der Verbraucher: Telecom rückte von seinen Plänen ab und bot den Kunden einen viel günstigeren Preis für die Einwahlverbindung.
Für die Einwahlverbindung läutete jedoch schon damals das Totenglöckchen. Nach der ersten Liberalisierung des Internetmarktes 1995 entstanden nämlich wie Pilze nach dem Regen neue Internetanbieter (1998 waren es bereits fast zweihundert). Darunter beispielsweise UVT Internet. Sie kamen zu Beginn des neuen Jahrtausends mit einem bahnbrechenden Ansatz: Sie begannen, Internet im Rahmen einer monatlichen Pauschale anzubieten. Für die Einwahlverbindung bedeutete das das allmähliche Ende.
Die ersten großen Webseiten
Übrigens, gerade zwischen 1995 und 1998 entstanden in Tschechien auch die ersten großen Internetseiten. Und viele davon haben nicht nur überlebt, sondern sind heute große Medienhäuser von landesweiter Bedeutung. Erwähnenswert ist beispielsweise die Suchmaschine Seznam.cz, die 1996 ihren Betrieb aufnahm. Im selben Jahr starteten das Abgeordnetenhaus seine Seiten und auch die ersten Medien begannen, ihre Inhalte ins Web zu bringen (zum Beispiel Mladá fronta DNES oder Právo).
Im November 1996 richtete sich – als erstes politisches Subjekt in Tschechien – die Bürgerliche Demokratische Partei eine eigene Internetadresse ein, im Februar 1997 folgte die Tschechische Sozialdemokratische Partei. Und bereits 1998 konnten Kunden der Expandia Banka als Erste Online-Banking nutzen.
Aufschwung des Internets im neuen Jahrtausend
Versetzen wir uns nun einige Jahre weiter, also an den Anfang des neuen Jahrtausends. Damals zeigten sich die Möglichkeiten der neuen Ära in vollem Umfang. Das einstige Monopol auf die Bereitstellung von Internetverbindungen gehörte der Vergangenheit an, ebenso die hohen Preise für Einwahl-Internet. Und das goldene Zeitalter des Internets in Tschechien konnte endlich beginnen.
Bereits 2002 verbanden sich die ersten Nutzer dank Wi-Fi mit dem Internet, 2003 bot die Firma SkyNet als erste in Tschechien schnelles Internet über ADSL-Technologie. Im selben Jahr kündigte zudem Eurotel als erster tschechischer Mobilfunkbetreiber unbegrenzte Internetverbindung für eine regelmäßige monatliche Pauschale an.
Und das Jahr 2002 noch einmal. Damals entstand nämlich CZFree.Net, ursprünglich ein Prager Amateur-Computernetz. Dieses breitete sich nach und nach im ganzen Land aus und ermöglichte – getreu dem Grundsatz „Beitragen und Nutzen“ – jedem, sich (auf eigene Kosten) mit dem Internet zu verbinden. Aus den Freenets gingen viele sehr gute Techniker hervor und gründeten ihre eigenen regulären Firmen.
All diese Faktoren führten zum Unausweichlichen: Das Internet wurde zu einem festen Bestandteil unseres Lebens. Und das zeigte sich bereits 2010. Damals nämlich verkündete das Tschechische Statistische Amt, dass der Anteil der tschechischen Haushalte mit Internetanschluss endlich die magische Grenze von 50 Prozent überschritten hatte.
Und der nächste Wendepunkt kam schon zwei Jahre später: 2012 verbanden sich nämlich die ersten Nutzer über mobiles LTE mit dem Internet. Das bot für die damalige Zeit eine schwindelerregende Übertragungsgeschwindigkeit von 60 Mb/s (man erinnere sich an das Jahr 1992, als das Internet eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 19,2 kb/s erreichte).
TIPP: Lesen Sie auch den Artikel Heimanschluss im LTE-Netz. Verlockendes Angebot oder aufgeschobenes Problem?
Regionale Anbieter (nicht nur) für kleine Gemeinden
Das Internet könnte heute jedoch niemals das sein, was es ist, ohne das Netz regionaler Anbieter. Was kann man sich darunter vorstellen? Das Internet, wie wir es kennen, besteht aus einzelnen Backbone-Netzen. Diese werden meist von großen multinationalen Firmen betrieben, denen es sich definitiv nicht lohnt, einen Internetanschluss in jede kleine Ortschaft zu legen. Und genau hier kommen regionale Internetanbieter ins Spiel.
Diese erleichtern den Nutzern heute deutlich ihren Weg ins Internet. Einfach gesagt: Anstatt dass Nutzer vom Betreiber des Backbone-Netzes abhängig sind, schließen regionale Anbieter Verträge mit dem Backbone-Betreiber an ihrer Stelle. Das Internet verteilen sie dann selbst an weitere Interessenten aus den Reihen normaler Nutzer – einschließlich der Einwohner der kleinsten Städte und Gemeinden. Auch große Betreiber mieten gegenseitig Infrastruktur. Heute bauen regionale Betreiber ihre Infrastruktur zwischen Städten und in Städten der Region mit denselben Technologien wie multinationale Giganten. Sie unterscheiden sich nur in der Last-Mile-Technologie – wenn es nicht um Glasfaser bis ins Haus geht. Dann unterscheiden sie sich gar nicht in der Technologie, im Gegenteil, sie haben den großen Vorteil ausreichend dimensionierter Kapazität in der jeweiligen Region.
Ohne Internet würden wir anders leben
Zusammengefasst: Egal, wo wir leben, das Internet ist heute fester Bestandteil unseres Lebens. Nach Daten der Vereinigung für Internetentwicklung und des Tschechischen Statistischen Amtes haben 7,3 Millionen Tschechen über zehn Jahren einen Internetanschluss. Festes Internet haben fast 83 % der tschechischen Haushalte und 98 % der Firmen. Laut VNICTP, der Assoziation regionaler Betreiber, liegt die Nichtverfügbarkeit des Internets sogar unter einem Prozent. Die übrigen 16 % der tschechischen Haushalte und zwei Prozent der Firmen wollen das Internet aus einem bestimmten Grund nicht.
Es gibt nichts zu wundern: Eine grundlegende 2-Mbps-Internetabdeckung gibt es heute fast im gesamten Gebiet Tschechiens. Nach Angaben des Tschechischen Telekommunikationsamtes werden bis 2020 alle tschechischen Haushalte – mit Ausnahme einer geringen Zahl in entlegenen ländlichen Gebieten – die Möglichkeit eines 30-Mbps-Anschlusses haben.
Auch dank dessen können wir über das Internet einkaufen, Zahlungsaufträge erteilen, Nachrichten und Unterhaltung konsumieren und mit Freunden kommunizieren – wenn auch nur virtuell.
Übrigens, profitieren tut davon auch die tschechische Wirtschaft. Das Internet-Geschäft trägt derzeit etwa 5 % zum BIP bei, was definitiv keine vernachlässigbare Zahl ist. Auch den Online-Shops geht es gut: Der Anteil tschechischer Onlineshops am Einzelhandelsumsatz überschritt im letzten Jahr erstmals zehn Prozent. 2017 stiegen ihre Umsätze auf 115 Milliarden Kč.
Autorin: Alžběta Švarcová
Aktualisierung 5.3.2024